OB Just eröffnete mit einer Gedenkstunde zum 9. November die Ausstellung „GURS 1940“ im Weinheimer Museum – Bis zum 30. Januar zu sehen

„Noch heute fassungslos“

Weinheim. „Die Ausschreitungen des 9. November waren der erste Schritt auf dem Weg zum Holocaust. Sie markierten den Beginn eines Zivilisationsbruchs, den viele für nicht vorstellbar gehalten hatten und der uns noch heute fassungslos macht.“ Mit diesen Worten eröffnete Weinheims Oberbürgermeister Manuel Just am Dienstagabend mit einer Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus die Ausstellung „GURS 1940“, in der die Verschleppung und Ermordung der Juden aus Südwestdeutschland dokumentiert ist.

Die Ausstellung wandert schon seit April 2021 zu verschiedenen Orten in Südwestdeutschland und Frankreich. In Weinheim im Museum in der Amtsgasse ist sie nun bis zum 30. Januar 2022 zu sehen.

Bei den Verschleppungen handelte es sich um eine der ersten systematischen Deportationen durch die Nationalsozialisten. Viele der Deportierten starben in Gurs oder in anderen Lagern Südfrankreichs. Die Internierten wurden ab dem Sommer 1942 nach Auschwitz-Birkenau und Sobibor verschleppt und ermordet. Weinheims Oberbürgermeister hatte erst vor wenigen Wochen als Mitglied einer deutschen Delegation das frühere Lager Gurs und die heutige Gedenkstätte besucht.

Der 22. Oktober 1940 ist ein schwarzer Tag in der deutschen Geschichte, insbesondere für die Regionen Baden, Pfalz und Saarland und mittendrin für Weinheim. Vermutlich 54 Menschen, dazu fünf weitere aus dem seinerzeit eigenständigen Dorf Lützelsachsen, wurden an diesem Tag von den Nationalsozialisten festgenommen und verschleppt.

Die Inschriften auf dem Friedhof in Gurs nennen auch Namen von Weinheimer Bürgerinnen und Bürgern, die an Hunger, Mangelernährung, Kälte und Infektionskrankheiten starben – viele in den ersten Monaten nach ihrer Ankunft. Es waren Menschen aller Altersstufen und aus vielen Berufen: Ernst Rapp war vier Jahre alt, Doris Hirsch sieben Jahre, Kurt Altstädter zehn Jahre. Die ältesten waren Recha Heil (73 Jahre), Emma Lehmann (82 Jahre) und Emilie (70 Jahre) und David Benjamin (69 Jahre).
Die jüdischen Weinheimer Bürger wurden in den frühen Morgenstunden des 22. Oktobers von ihrer bevorstehenden Abschiebung in Kenntnis gesetzt. Ihnen blieb nur wenig Zeit, ihre Koffer zu packen. Die Menschen wurden aus ihren Wohnungen durch die Polizei geholt. Ihr Weg führte sie meist durch die Hauptstraße, wo sie von den anderen Weinheimer Bürgern bemerkt werden mussten, in den Schlosshof. Das Schloss war seit 1938 im Besitz der Stadt Weinheim und Sitz der Stadtverwaltung. „Herzzerreißend, zu sehen, wie am 22. Oktober 1940 unsere jüdischen Mitbürger am Tage ihrer Deportierung verzweifelnd, zitternd und zagend auf dem Rathaushof nach Hilfe und Beistand sich umsehen, ohne eine Hand zu spüren“, schreibt Daniel Horsch in seinem 1964 erschienenen Aufsatz über den Friedhof in Gurs. Vom Weinheimer Schlosshof aus ging es weiter nach Mannheim, wo die Züge warteten. Das in Weinheim zurückgebliebene Vermögen wurde erfasst und beschlagnahmt, das Mobiliar und die Haushaltsgegenstände schließlich im Obstgroßmarkt öffentlich versteigert, die Häuser und Grundstücke verkauft. Auch die Juden in Lützelsachsen wurden mit einem Lastauto abgeholt und nach Mannheim gebracht.
 „Mit Trauer und mit Scham blicken wir heute auf das zurück, was in unserem Land geschehen ist und was der jüdischen Bevölkerung Europas im deutschen Namen angetan wurde“, so OB Just bei der Eröffnung der Ausstellung, die coronagerecht an der frischen Luft vor dem Museum stattfand. Manuel Just erklärte: „Auch Weinheim gehörte zum Schauplatz der Rassen- und Vernichtungsideologie. Auch Weinheimer Bürger zerstörten die Synagoge in der Ehret-Straße. Sei es aus Ideologie, sei es aus Falschinformation oder sei es aus Instrumentalisierung oder Manipulation heraus.“

Mit Erschrecken und Beschämung, so der OB, sehe man, dass Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit auch heute in unserer Gesellschaft existiert. Daher: „Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit, Brüderlichkeit, Verständigung zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens, gesellschaftlicher Zusammenhalt – sie sind nicht selbstverständlich. Diese Werte müssen immer wieder aktualisiert, gepflegt und verteidigt werden.“

Die Ausstellung in den Räumen und Fluren des ersten Obergeschosses beschreibt die furchtbaren hygienischen Zustände im Lager Gurs anhand von Berichten, Fotos und Zeichnungen der dort internierten Menschen. Sie beleuchtet die Zusammenarbeit der Vichy-Regierung und der Nationalsozialisten. Weitere Kapitel widmen sich der Erinnerungskultur und der Aufarbeitung. In Weinheim wird die Ausstellung ergänzt durch Dokumente zur Deportation aus Weinheim.
 
Info: Ausstellungsdauer in Weinheim: 9. November 2021 bis  30. Januar 2022
Ausstellung im Museum der Stadt Weinheim, Amtsgasse 2
Eröffnung am 9. November um 18 Uhr durch Oberbürgermeister Just
Öffnungszeiten: Dienstag bis Donnerstag und Samstag 14  bis 17 Uhr, Sonntag 10 bis 17 Uhr.

 

 

 

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